Über Linkwachstum und den Einfluss des Linkalters

„Bis ein Link seine volle Wirkung entfaltet, dauert es etwas“ ist einer der Sätze, den Suchmaschinenoptimierer immer wieder sagen. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass Links im Laufe ihrer „Lebenszeit“ (immer) wertvoller werden. Doch ist das wirklich so? Macht es Sinn, dass Suchmaschinen lange bestehende Links (immer stärker) gewichten? Würde das dann nicht auch dazu führen, dass alte, schlechte Links im Laufe der Zeit auch immer „toxischer“ werden? Oder hebt sich das toxische Potenzial im Laufe der Zeit auf? In diesem Artikel möchte ich ein paar Überlegungen zu dem Aspekt „Alter eines Links“ sowie „Linkwachstum“ mit euch teilen.

Grundsätzliche Überlegungen zum Thema Links

Suchmaschinen verfolgen das Ziel, Nutzern immer die (aktuell) am relevantesten Inhalte zu einer Suchanfrage zu präsentieren und verlassen sich dabei auf eine Reihe von Signalen. Eines der, aus meiner Sicht, unbestritten Wichtigeren sind dabei Links. Verweise bzw. Zitierungen als Qualitätsmerkmal anzusehen, ist in der Bibliometrie, der quantiativen Untersuchung von Publikationen, ein seit Jahrzehnten angewendetes Mittel. Anhand der Anzahl (und Qualität) von Zitierungen ist es Bibliothekaren möglich, besonders bedeutende Schriften zu einem gewünschten Thema zu finden und den „Impact“, den Einfluss einer Publikation oder eines Autors, auf einen (wissenschaftlichen) Bereich zu analysieren.

Den Metriken „Quantität“ und „Qualität“ von Verlinkungen bedient sich dabei auch Google: So ist eine Referenzierung einer Website, die selbst über viele Referenzierungen (von bekannten und bedeutenden Websites) verfügt, als wesentlich „wertvoller“ einzuschätzen, als eine Referenzierung von einer selbst selten angelinkten Website. Es macht unbestrittenerweise Sinn, eine Referenzierung einer Publikation im Gebiet „Physik“ durch Stephen Hawking als wesentlich wertvoller einzuschätzen, als eine Referenzierung von mir, dessen physikalische Kenntnisse eher im unteren Bereich der Notenskala zu finden waren.

Warum die absolute Anzahl an Verlinkungen nicht die ausschlaggebende Komponente sein kann

Betrachten wir für einen Moment das Themengebiet „Wirtschaftstheorien“. Die Aufgabe ist es, besonders wichtige Literatur für aktuelle Fragestellungen zum Thema „Wirtschaftstheorien“ zu finden. Dazu wird erstmal der eigene Dokumentenstamm (Index) durchsucht, die Inhalte nach einem Algorithmus bewertet und die Anzahl der Referenzierungen der einzelnen Abschnitte (bzw. im Netz: Unterseiten) sowie die Referenzierung auf „Publikationsebene“ (ergo der Hostname) analysiert. Herauskommen soll dabei ein Ergebnis, dass die Aktualität der Anfrage berücksichtigt.

Hier stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, bei Referenzierungen den (historischen) Gesamtwert zu nehmen. Das wäre ein eindeutiger Vorteil für Publikationen, die schon länger verfügbar sind, mit der Folge, dass neuere Publikationen geringere Chance hätten, unter die besten Ergebnisse zu gelangen. Bitte nicht falsch verstehen: Das Alter eines Dokuments muss per se weder positiven noch negativen Einfluss auf dessen Qualität (gemessen an der Ressonaz) haben. Das Ergebnis könnte demnach so aussehen:

Autor Publiziert im Jahr Referenzierungen gesamt
Marx 1873 12.243.571
Keynes 1929 8.271.943
Ich 2013 4.861

Aber macht das so viel Sinn? Sollte die Gesamtanzahl der Referenzierungen bei der Betrachtung aktueller, wichtiger Dokumente ein hohes Gewicht erhalten? Oder sollte man den Faktor Zeit nicht in die Betrachtung und Bewertung aufnehmen? Hier ergibt sich nämlich ein komplett anderes Bild:

Autor Publiziert im Jahr Referenzierungen gesamt Referenzierung letzte 12 Monate
Marx 1873 12.243.571 737
Keynes 1929 8.271.943 874
Ich 2013 4.861 4.861

Hier wäre es das Werk des Autors „Ich“, welches als aktuell besonders wichtig einzustufen wäre, da dieser (im willkürlich gewählten) Zeitraum der letzten 12 Monate die meisten Referenzierungen erhalten hat. Diese Betrachtungsweise könnte man noch anhand diverser anderer Faktoren ausweiten.

In der Bibliometrie gibt es mehrere Modelle, die den Faktor Zeit in die Bewertung der Reputation einer Publikation sowie eines Autors einbeziehen, beispielsweise „Cited Half-Life„. Für den Moment würde ich das erstmal so im Raum stehen lassen. Wer sich mit dem Thema Bibliometrie detaillierter auseinandersetzen möchte, sollte sich diese Publikation von Herrn Frank Havemann zu Gemüte führen.

Sofern solche Bewertungsmethoden auch von Suchmaschinen wie Google genutzt werden (würden), würde das dafür sprechen, dass das Alter von Verlinkungen zwar ein Faktor ist, aber die Annahme, dass Verlinkungen „wertvoller“ werden, doch hinterfragt werden müsste. Das Google das „Veröffentlichungsdatum“ einer Referenzierung speichert, ist z.B. in den Google Webmaster Tools zu erkennen: Im Download der aktuellen Links ist ein „Ersterkennungsdatum“ verzeichnet. Auch in vielen Backlink-Tools ist es gang und gäbe, dass ein Veröffentlichungsdatum zu Links gespeichert wird und in vielen lässt sich auch das Link-Wachstum anzeigen.

Ein Beispiel

Betrachten wir ein Keyword und die Daten der zu diesem Begriff rankenden Domains, angereichert mit ein paar gängigen SEO-KPIs:

Shop 1 Shop 2 Shop 3
Unterseite y y y
Sistrix Index 16,97 93,04 125,22
Domainpop-URL 66 7 381
Davon letzte 12 Monate 5 7 82
Domain-Pop 2.918 11.466 11.952
Davon letzte 12 Monate 300 1.200 3.700
PageRank URL 4 4 4
SEOmoz DA 51,36 64,34 74,34
SEOmoz PA 38,21 33,17 66,47
FB 15 0 393
Twitter 0 0 3
G+ 2 1 9
Textlänge 800 150 1.000

Was kann man aus den Zahlen ablesen? Letztendlich alles, was man will 🙂 Ich nenne einfach mal ein paar Auffälligkeiten:

  • Shop #3 „gewinnt“ in allen Kategorien, ist allerdings nicht auf Platz 1
  • Im (willkürlichen) Zeitraum von 12 Monaten hat Shop #3 die höchste Domainpop Steigerung auf Domain & URL-Basis
  • Die höchste Domainpop führt nicht zwangsläufig zu Platz 1
  • Das Domainpop-Wachstum von Shop 3 ist im Vergleich zu den beiden erstplatzierten Seiten viel zu hoch

Bei der Betrachtung der Zahlen ist es natürlich wichtig, dass keine qualitative Betrachtung der z.B. Linkanzahl vorgenommen wurde und auch andere Aspekte wie interne Verlinkung nicht beachtet wurden. Es mutet aber insgesamt ungewöhnlich an, dass Shop 3 es nicht schafft, den ersten Platz zu erobern. Wie bereits geschrieben, kann das viele Gründe haben (schlechte Links, schlechte interne Verlinkung, Duplicate Content, zu hohes Linkwachstum, zu hohe Keywordnutzung, überoptimierte Ankertexte, …). Als Shop 3 würde ich mir die entsprechende Unterseite allerdings auf jeden Fall einmal genauer anschauen.

Was man festhalten kann und sich auch mit den Erfahrungen vieler SEOs deckt: Viele Links aufbauen hilft nicht (immer/mehr). Die Website mit dem (quantitativ und/oder qualitativ) besten Backlinkprofil steht nicht immer auf der ersten Position. Und auch das Alter und die Historie einer URL muss (aber kann) (k)einen Wettbewerbsvorteil bedeuten.

Nach dem Beispiel komme ich zurück zum Hauptthema: Werden Links im Laufe Ihrer Lebenszeit wirklich stärker? Aus meiner Sicht nein. Gründe, die für meine Ansicht sprechen, sind:

  • Alte Dokumente hätten einen massiven Vorteil.
  • Es wäre fast unmöglich, ein neues Dokument bekannt zu machen.
  • Ohne Links zu ranken wäre schwer möglich.
  • Die interne Verlinkung der linkgebenden Seite geht im Laufe der Zeit tendenziell zurück.
  • Ein „frischer“ Link bringt in der Regel wesentlich mehr Besucher als ein alter.

Wenn ich eine Suchmaschine betreiben würde, wären mir „frische“ Signale wesentlich wichtiger, als es „alte“ Signale sind – besonders im Offpage-Bereich. Diese würden mir zwar auch bei der Bewertung helfen, aber um das aktuell am relevanteste Ergebnis zu finden, sind diese Daten nur bedingt geeignet. Das leitet direkt zum Aspekt des Linkwachstums weiter.

Weshalb Linkwachstum wichtig ist

Kurz und knapp: Über Linkwachstum kann Suchmaschinen signalisiert werden, dass das angelinkte Dokument aktuell (immernoch) relevant ist – entsprechend hochwertige Verlinkungen vorausgesetzt. Oder andersherum gesagt: Wäre es nicht ein zu wertendes Signal, wenn ein Dokument in einem Zeitraum X die Anzahl Y Refenzierungen erhält, seine Positionierung verbessert und nach Erreichen des ersten Platzes nicht mehr als Quelle genannt wird, während ein anderes Dokument in einem neueren Zeitraum eine höhere Anzahl an qualitativen Verweisen erhält?

Um ein stabiles Ranking zu erzielen, sollte versucht werden, möglichst viele positive Signale einzuholen: Ein kontinuierliches Linkwachstum kann dabei ein Signal sein, es steht allerdings auch immer in Relation zur Konkurrenz. Beim Thema Linkwachstum ist es doch umso schöner, stetig neue, hochwertige und trafficbringende Verlinkungen zu erhalten, statt sich auf dem Ruhm vergangener Tage auszuruhen.

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Kommentare (17)

  • Sebastian Gebert Antworten

    Toller Artikel!
    Macht es demnach Sinn sich immer und immer wieder Links von Seiten zu holen, von denen man eigentlich schon Links hat?
    Nehmen wir mal einen Blog oder ein Magazin das viele Links durch Quellen Angaben bekommt…. Sind diese Links nun „stärker“ zu Werten mal der Blog immer wieder zitiert wird?

    • Stephan Czysch Antworten

      Eine entsprechende Qualität der linkgebenen Seite vorausgesetzt: Ja. Lieber habe ich jeden Monat ein Clipping auf sueddeutsche.de als nur einmalig. Ich will ja für die eigene Zielgruppe „sichtbar“ sein – und da ist jeder Link von relevanten Quellen herzlich willkommen.

      Das heißt jetzt nicht, dass ich site-wide eingebunden sein muss bzw. zwangsläufig sein will, aber wiederholend eine Nennung in relevanten Artikeln zu erhalten ist allein aus Trafficsicht wichtig.

  • Sabrina von seo-diaries.de Antworten

    Hi Stephan,

    also ich sehe das so ähnlich wie du. Den Spruch: „ein “ Link braucht Zeit“, habe ich auch schon des öfteren genutzt. Weniger aber auf seine Qualität hin bezogen. Vielmehr braucht Google einfach seine Zeit um den Link zu finden und auch entsprechend zuzuordnen.

    Zeitlich gesehen würde es meiner Meinung nach keinen Sinn machen, wenn alte Links mehr bringen würden. Wie du schon sagst, hätten neue Dokumente dann keine Chance.

    • Stephan Czysch Antworten

      Hallo Sabrina,

      das kommt natürlich auf die Integration des Links an – bei einem neuen Artikel sollte der Link sofort von Google „bemerkt“ werden und entfaltet demnach auch schnell seine Wirkung (die positiv, negativ oder neutral sein kann).

      • Christian Antworten

        Bei kleineren Seiten oder Blogs anpingen 😉

  • Ralf Antworten

    Für mich ist das spannende was Du in Sachen Süddeutsche gesagt hast! So viele „SEO´s“ die predigen, dass die Domainpop so sehr zählt…

    Ich freue mich aber fast genau so über einen weiteren Link auf einer bereits verlinkenden Seite, nach Möglichkeit aber mit einem anderen Ziel. Es wäre doch dumm, wenn eine Suchmaschine diese Signale ignorieren würde, oder? Und es ist schön, dass so wenige diese Möglichkeit nutzen ;o)

  • Andy Antworten

    Jain. Irgendwie stimme ich dir zu, irgendwie aber auch nicht. Ich persönlich glaube schon, dass ein Link erst nach einer gewissen Zeit anfängt zu wirken und zwar aus dem Grund, dass Google somit ein probates Mittel hat kurzfristigen Linkaufbau oder auch Linkmiete abzudämpfen. Ansonsten könnte ja eine Seite wirklich binnen kürzester Zeit Links kaufen äääh bekommen (die natürlich alle 1a Qualität haben) und somit etablierte Seiten in den Rankings überholen.

    Auch wenn Marx vielleicht aktuell nicht mehr so viele Referenzierungen bekommt wie Ich, heisst das nicht, dass Marx nicht immer noch der Beste ist. Vielleicht haben schon so ziemlich alle relevanten Publikationen auf Marx verwiesen und ein zweiter Verweis wäre sinnlos. Irgendwann gibt es einfach kaum noch Wachstum, weil sich der Markt der Referenzierer erschöpft.

    Generell glaube ich auch, dass hier das Themengebiet eine wichtige Rolle spielt. Handelt es sich um ein aktuelles Thema (z.B. das Hochwasser), zu dem viele neue Seiten entstehen dann ist die Anzahl frischer Verweise sicherlich wichtiger, als wenn es um ein Themengebiet geht, zu dem sich nicht so wirklich viel ändert (Standort von Stonehenge oder sonstiges).

    Schwieriges Thema würde ich sagen. Aber genau das macht SEO ja so interessant 😉

    • Stephan Czysch Antworten

      Hi Andy,

      dass ein Link nicht sofort „voll“ wirkt, bezweifel ich gar nicht, es geht eher um den langfristigen Effekt eines Links.

      Bzgl. Wachstum von Referenzierungen: Das hängt von der Betrachtungsweise ab. Sofern man nach „Autor“ untersucht, wird es irgendwann knapp, schaut man sich hingegen „Publikationen“ an, gibt es immernoch ein gutes Wachstum.

      Beim Bereich „News“ (=> Hochwasser) kommt ja nochmals eine Reihe zusätzlicher Effekte dazu: Steigendes Suchvolumen, Einreichung von Artikeln über Google News etc.

  • Olaf Antworten

    Sehr guter Beitrag… Ich würde dabei auch die Kontinuität der neuen Verlinkungen heranziehen. Ein sehr guter Beitrag wird wenn er noch immer vom Thema her aktuell ist auch nach Jahren noch neue Links bekommen. Ein durchschnittlicher Beitrag wird hingegen am Anfang Links bekommen aber schnell in den Archiven verschwinden und auch nicht in den Köpfen hängen bleiben. Sprich nur kurzfristig zu neuen Links führen.

  • Olaf Antworten

    noch ein kleiner Zusatz was die Zeit angeht wann Links in puncto Rankings wirken… Wir beobachten hier nach einem fester Muster immer einen Zeitversatz von 2-3 Monaten.

    • Christian Antworten

      Kann ich so bestätigen, redirects hingegen wirken deutlich schneller.

  • Thomas Rafelsberger Antworten

    Ich denke, dass gute Links viel schneller wirken als 2-3 Monate. Natürlich kommt es grundsätzlich darauf an, wann Google das erste mal den neuen Link gecrwalt hat und wie es damit weiter vorgeht, aber ich kenne Fälle, da hat man einen riesen Impact nach 1-2 Wochen gesehen.

  • Nicolas Scheidtweiler Antworten

    Tolles Essay mit sehr guten Ansätzen. Was bedeutet das für die tägiche Arbeit?
    In meinem Sinne heißt das, ältere Blog-Artikel immer wieder zu teilen (Facebook, Twitter und Co.) – Bedingung ist, dass diese immer noch Mehrwert für den Leser bieten. Oder?

    • Stephan Czysch Antworten

      Da spricht aus meiner Sicht nichts dagegen – wobei mir ein „richtiger“ Link im Sinne der Suchmaschinenoptimierung weiterhin als relevanter erscheint.

  • Bart von werhatoffen.de Antworten

    Ich habe zudem in Erinnerung, dass Google erst kürzlich untersagt hat alte Domains zu kaufen (expired) und diese dann für die eigene Link-Popularität zu nutzen? Ist da was dran oder was das ein anderer Sachverhalt mit den Expired-Domains… Da haben sich ja einige ein goldenes Näschen damit verdient hab ich gehört

  • Jagsch Wolfgang Antworten

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Links frühestens nach zwei Wochen Auswirkungen zeigen. Dies sind meist Links aus Pressemitteilungen – die aber auch ganz schnell wieder ins Archiv wandern können. Konstante Links aus Gastartikel auf guten Blog dauern meist zwei Monate – bis sie wirksam werden. Alles braucht seine Zeit. Seo ist eine Langterm-Strategie. Toller Artikel. Weiter so bitte.

  • Pingback: SEO House 45: Links, Links, Links Podcast

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